Gesellschaft
«Oralsex ist so beliebt, weil man davon nicht schwanger wird»
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 13.11.2010
Vor zwei Wochen fand ein Anti-Feminismus-Kongress
in der Nähe von Zürich statt, an dem sich geschiedene Männer bitterlich
über ihre Situation beklagten. Sind Scheidungen ein Männertrauma?
O
ja, das sind sie. Die Frauen gewinnen in diesem Spiel. Nicht, dass ich
ihnen unterstelle, dabei Freude zu empfinden, aber das Ganze hat schwere
Konsequenzen für Männer. In den USA bekommen die Frauen das Kind in
drei Vierteln aller Fälle zugesprochen. Männer werden an den Rand des
Ruins getrieben, weil sie so viel bezahlen müssen. Und gleichzeitig ihre
Kinder nicht sehen dürfen.
Das hängt von der Rechtsprechung ab. In Amerika funktioniert es so: Wenn wir verheiratet wären und Sie nicht mehr mit mir zusammen sein wollen, machen Sie einfach geltend, ich hätte unser Kind geschlagen, und schon gibt es eine richterliche Verfügung – ohne dass ich angehört würde, darf ich das Kind dann nicht mehr sehen. Das wird in der Schweiz nicht sehr viel anders sein.
Es
gibt auf Frauenseite wenig Verständnis für dieses männliche Gejammer.
Statistiken zeigen, dass berufstätige Mütter mehr Zeit in Haushalt und
Kinderbetreuung investieren als Väter.
Sie haben absolut recht.
Frauen haben sich vieles erkämpfen müssen, und deshalb haben sie nun
Angst, etwas zu verlieren, weil sie denken, sie hätten ein Anrecht auf
Bevorteilung. Es macht sie wütend, wenn diese Ungerechtigkeiten ans
Tageslicht kommen, von denen sie letzten Endes profitieren.
Warum wehren sich die Männer nicht?
Das
tun sie bereits, Sie sehen es an der tiefen Geburtenrate. Ich behaupte:
Oralsex ist so beliebt geworden, weil man davon nicht schwanger werden
kann.
Ich dachte, das läge an Bill Clinton.
Der war
clever. Er hat bloss nicht damit gerechnet, dass Monica Lewinsky ihr
Kleid aufbewahren würde. Aber ich weiss das mit dem Oralsex aus
Untersuchungen – und meine Studentinnen bestätigen es. Die sagen, es sei
im US-Bundesstaat New Jersey mittlerweile schwierig, zu Sex zu kommen.
Was für eine Aussage! Die Männer haben Angst vor einem One-Night-Stand,
weil sie danach vielleicht 20 Jahre lang für ein Kind bezahlen müssen.
Mit Verlaub: Die sollen Verantwortung übernehmen.
Stimmt,
aber Männer kapieren langsam, dass sie den Frauen ausgeliefert sind.
Frauen wissen sehr genau, was sie wollen, und vor allem auch, wann sie
ein Kind wollen. Die vergessen nicht einfach die Pille, ihren
Lidschatten vergessen sie ja auch nie. Nein, die gehen sehr
zielgerichtet vor. Was Marx als Ausschluss von den Produktionsmitteln
bezeichnete, gilt heute für Männer in Bezug auf die Reproduktionsmittel:
Sie sind davon ausgeschlossen.
Wegen der Pille?
Ja. Und es ist der Schlüssel zu dem, was wir heute erleben.
Inwiefern denn das?
40
Prozent der Kinder in Nordamerika – die Zahlen in Europa sind ähnlich –
wachsen ohne Vater auf. Weil die Frauen das so wollen: Sie haben
beschlossen, dass der angestammte Deal für sie nicht mehr von Vorteil
ist. Sie brauchen den Mann gerade mal für ein paar Minuten, nämlich wenn
sie sein Sperma brauchen, aber im weiteren Verlauf ihres Lebens
erachten sie ihn für entbehrlich. Sie machen ihre eigenen Arrangements.
In der schwarzen US-Bevölkerung ist es nicht selten, dass Mütter zu
ihren Töchtern sagen: Darling, mach ein Baby, ich werde mich darum
kümmern, geh du wieder arbeiten, und wir sind eine Familie. Frauen
können über ihre Reproduktion selbst entscheiden, das gibt ihnen Macht.
Warum sollten Frauen freiwillig die Belastung des Alleinerziehens auf sich nehmen?
Ja,
das ist hart, psychologisch gesehen sogar der härteste Job überhaupt,
nicht aber finanziell. Sehen Sie, wir haben in den USA einen Onkel, den
Onkel Sam. Der übernimmt die Kosten. Eine Frau mit Kind bekommt mehr
Hilfe, als je ein Mann erhielte. Ich nenne das Bürogamie: eine Frau, ein
Kind und ein Beamter.
Statt sich den neuen Gegebenheiten
anzupassen und die Vorteile zu sehen, die es für sie ja auch gibt mit
der anderen Rollenverteilung, treten die Männer lieber in eine Art
Zeugungsstreik.
Wie die Männer es auch machen, ist es falsch.
Wenn sie die herrschenden Zustände kritisieren, sind sie Waschlappen
oder reaktionäre Frauenfeinde, wenn sie sich an der Emanzipation
beteiligen wollen, heisst es: Shut up, es ist dein Job, Geld nach Hause
zu bringen, ich habe keine Lust, mir deine Litanei anzuhören. Frauen
sind nicht sehr einfühlsam, was die ganze Problematik anbelangt.
Männer fühlen sich also im Stich gelassen und nichts mehr wert?
Absolut.
Die Jobs, die in der Rezession in den USA verloren gegangen sind, waren
zu 82 Prozent Jobs von Männern. Und diese Jobs kommen nie mehr zurück.
Bei den Wahlen letzte Woche wurde Obama von Männern, die den Job
verloren hatten, abgestraft. Denn eine seiner ersten Amtshandlungen
hatte darin bestanden, einen Mädchen- und Frauenrat einzurichten. Wir
brauchen das in den USA nicht. Die arbeitslosen Männer aber, die
wirklich Unterstützung und Hilfe brauchten, erhalten sie nicht, von
niemandem.
Möchten Sie deshalb an den Unis nebst den Genderstudies die Male Studies einführen?
Ja, weil die ganze Diskussion um die Geschlechter von jeher fest in Frauenhand ist. Männer haben nichts zu sagen.
Eine Folge politischer Korrektheit?
Nicht
nur, es handelt sich in erster Linie um eine politische Fehlanalyse.
Die Leute schauen die Fakten nicht an. Der Punkt ist, dass diese ganze
Gender-Diskussion eine biologische Diskussion ist. Es ist eben nicht,
wie die Feministinnen behauptet haben, ein Problem von Kultur und
Erziehung, wenn Buben Blau mögen und Mädchen Pink. Ich habe zwei
Enkelinnen, die tragen nur Pink. Ihre Eltern hassen Pink, ihr Grossvater
hasst Pink und ihre Grossmutter ebenfalls.
Der Feminismus ist schuld?
Der Feminismus an sich war willkommen. Seit wann dürfen die Schweizerinnen stimmen? Seit 60 Jahren?
Seit 39 Jahren.
Es
war mehr als überfällig, dass sie das Stimmrecht erhielten. Trotzdem
darf man nicht vergessen: Das Ganze war Teil der Abmachung. Männer
gingen arbeiten, sorgten für ihre Frauen und Kinder. Frauen mussten
nicht arbeiten, aber sie mussten gute Mütter sein. Das war einfach ein
Deal, ein vernünftiger dazu. Er muss nicht zwangsläufig fair gewesen
sein, aber das Leben ist auch nicht dazu da, fair zu sein, sondern
effektiv.
Sie stellen aber eine Abwertung des Männlichen fest.
Die gibt es auch, und zwar sehr konkret: In der massenhaften Feminisierung von Buben durch Drogen.
Sie meinen durch Ritalin?
Genau.
90 Prozent aller Opfer, die Ritalin nehmen müssen, sind Buben. Es fängt
damit an, wenn sie zwei- oder dreijährig sind. Das ist verrückt, denn
wir haben keine Ahnung, was die Langzeitfolgen sein werden. Das ist
potentes Zeug! In Frankreich zum Beispiel wird Ritalin als so gefährlich
wie Heroin eingestuft. Deshalb gibt es da im ganzen Land bloss 4600
Verschreibungen jährlich – das ist so viel wie an einer einzigen
Highschool in den Vereinigten Staaten. Ritalin ist ein Teil des Krieges
gegen Buben, mit dem Ziel, sie in Mädchen zu verwandeln. Dass das
Erziehungssystem weiblich ist, ist nicht falsch. Aber wenn eine
öffentliche Institution, die Schule, nur dann funktioniert, wenn man
über der Hälfte der Betroffenen Drogen verabreicht, stimmt doch was
nicht.
Woran leiden Männer – neben Scheidung, drohender Vaterschaft und Ritalin – sonst noch?
Vor
allem daran, dass niemand merkt, dass sie überhaupt Probleme haben.
Dass alle immer noch meinen, Männer seien mächtig, patriarchalisch,
würden sich dauernd auf die Brust schlagen und Frauen flachlegen. Die
Wirklichkeit sieht anders aus: Männer sterben früher als Frauen. Männer
üben gefährlichere Berufe als Frauen aus. Männer fallen dramatisch
zurück, was die Ausbildung angeht: In Nordamerika sind mittlerweile 65
Prozent der Uni-Abgänger weiblich. In den amerikanischen Grossstädten
verdienen die Frauen zwischen 25 und 30 Jahren mehr als die Männer. Und
doch heisst es immer nur, dass die Frauen weniger verdienen. Selbst
Obama plappert das nach.
In der Schweiz ist das auch so.
Das
ist möglich, aber es wird Gründe dafür geben. In den USA fallen Frauen
im Schnitt fünf bis acht Jahre in der Arbeitswelt aus; sie opfern
durchschnittlich ein Fünftel weniger Lebenszeit für den Beruf. Wenn man
dann noch zwei oder drei Prozent Teuerung jährlich mit einbezieht, hat
man den Lohnunterschied.
Können die Frauen den Männern aus der Misere helfen?
Ja:
Setzt sie nicht immer so unter Druck! Frauen haben heute Erwartungen an
Männer, die diese gar nicht erfüllen können. Kürzlich entstand während
einer meiner Vorlesungen eine Diskussion. Es ging darum, was man im
Leben erreichen will. Ein Student, ein typisch amerikanischer junger
Mann, der die Baseballmütze umgekehrt auf dem Kopf trug, meinte, er
hätte gerne ein so schönes Leben wie seine Eltern: eine Frau, ein Haus,
Kinder und einen guten Job. Er war ehrlich, hatte aber nicht mit den
Reaktionen seiner Mitstudentinnen gerechnet. Diese Frauen, allesamt sexy
und brillant zugleich, schimpften ihn ein rückständiges
Chauvinistenschwein. Der Student kam nie wieder zur Vorlesung, er konnte
diese weibliche Übermacht nicht ertragen.
Welche Erwartungen ans Leben hatten die Studentinnen?
Das ist es ja: die gleichen wie er. Aber zu ihren Bedingungen. Und zwar exakt zu ihren Bedingungen. (Tages-Anzeiger)
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Der Provokateur
Der Kanadier Lionel Tiger, 73, ist Professor für Anthropologie an der Rutgers University in New Jersey. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, die für Aufsehen gesorgt haben. Unter anderen «Auslaufmodell Mann», in dem er vor elf Jahren einen kontinuierlichen sozialen Abstieg der Männer in der westlichen Welt konstatierte. Tiger kritisiert die Abwertung des Männlichen, die väterfeindliche Justiz und vor allem, dass die Genderstudies fest in Frauenhand sind.
«Wenn die Schule nur funktioniert, wenn die Hälfte der Kinder Drogen nimmt, stimmt was nicht»: Lionel Tiger. (Bild: Sabina Bobst)
Erstellt: 13.11.2010, 09:39 Uhr


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